Zilla Leutenegger



Nach dem Besuch der Handelsschule in Chur und der Textilfachschule Zürich arbeitet Zilla Leutenegger während mehrerer Jahre als Einkäuferin für eine Bekleidungsfirma in Zürich. Von 1995 bis 1999 studiert sie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, wo sie den Studiengang Bildende Kunst belegt. Galerieausstellungen in der Schweiz, New York und Berlin. Beteiligung an zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen. 2006 Einzelausstellung im Saarlandmuseum in Saarbrücken. Zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2001, 2002 und 2004 Stipendium für bildende Kunst der Stadt Zürich, 2004 Manor Kunstpreis Chur und 2005 Eidgenössischer Preis für Kunst. Zilla Leutenegger lebt und arbeitet in Zürich.

Zilla Leutenegger arbeitet parallel in unterschiedlichen Medien, mit Zeichnung, Malerei, Fotografie, mit Raumelementen und mit digital bearbeiteten Bildern und Tönen. Die Person der Künstlerin spielt eine zentrale Rolle in ihrem Œuvre. Sie tritt oft als Hauptakteurin in ihren Werken auf: in Rollenspielen mit unterschiedlichen Ausformungen einer einzigen Figur, deren Posen häufig Abbildungen in Mode- oder Lifestylemagazinen nachbilden.

Ihre Zeichnungen sind meist in Bleistift ausgeführt und oft mit Acrylfarbe akzentuiert. Die Konturen der Figuren sind in einem kargen und teils ungelenken Strich festgehalten. Zeichnung und Video konvergieren im innovativen, von Zilla Leutenegger oft benutzten lyrischen Medium der Videozeichnung. Diese auf die Wand projizierten Zeichnungen zeigen einen kurzen Bewegungsablauf, der sich ständig wiederholt und dadurch Zeit erfahrbar macht. Minimale Gesten eröffnen den Figuren einen eigenen Raum. In Arbeiten wie Forget the Day (2003) oder Honey (2005) wird die Videozeichnung um ein zusätzliches Element erweitert, einer Wandmalerei mit der Nachzeichnung der skizzierten Akteurin aus dem Video. Die für das Medium Video charakteristischen Aspekte der Zeit und der Bewegung beleben das statische Wandbild, sobald die Projektion eingeschaltet wird. Zilla Leuteneggers Vidoereliefs wie Level 49 1–3 (2006) greifen in die dritte Dimension aus und zeigen Bilder des Verkehrs auf Tokioter Stadtautobahnen, projiziert auf Wandreliefs aus Holz. Die 2006 in der Sammlung Goetz präsentierte Münchner Wohnung aus Zeichnungen, verschiedenen Projektionen und dreidimensionalen Raumelementen, die durchwandert werden kann, wird von der Künstlerin aus mehreren Arbeiten zusammengefügt.

Zilla Leuteneggers Arbeiten zeigen intime, private Settings. Oft verschränkt sie mehrere Medien und arbeitet mit clichierten Motiven, die sie in kindlich anmutenden Traumwelten ansiedelt. Die Künstlerin thematisiert Fragen der weiblichen Identität und treibt ein humorvolles Spiel mit Elementen aus der Welt der Mode und der Populärkultur, etwa in der Videozeichnung, welche die britische Designerin Mary Quant, die Erfinderin des Minirocks, mit einem geblümten Schal im Stil der Sechziger zeigt. In der Videoinstallation Der Grosse Schnee (2003), die den Titel eines bekannten Kinderbuchs übernimmt, scheint die Künstlerin Schneebälle aus dem Bild in den Galerieraum zu werfen, wo Kugeln aus zerknüllten, verworfenen Zeichnungen auf dem Boden und auf Sockeln liegen. Die Videoarbeit Prada von 2006 zeigt eine Frau in der gleichnamigen Tokioter Boutique der Architekten Herzog & de Meuron. Die Akteurin, die immer wieder neue Kleider und Accessoires anprobiert, verkörpert einen für viele Frauen unerreichbaren Traum. Das auf der Projektionsfläche gespiegelte Publikum begleitet die Anprobe, bis sich die Szene schliesslich in einem Kaleidoskop aus Bildfragmenten auflöst. Auch in diesen kurzen Loops und kleinen Geschichten gelingt es Zilla Leutenegger Stereotypen auf leicht unterkühlte und distanzierte Art neu zu konfigurieren.

Quelle: 
SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz | Marco Obrist

Bild: 
Maurice Haas, NZZ

Artikel:
Für Zilla Leutenegger ist dieZeichnung eine Form des Denkens | Mit wenigen Strichen stellt Zilla Leutene!er ihre Bildfigur vor und verleiht ihr auch in der Andeutung eine eigene Existenz. | Angelika Affentranger-Kirchrath | NZZ, 14. März 2021




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